KI im Mittelstand landet oft auf der falschen Seite der Regel

Die Grenze zwischen Bedingung und Modell – und warum KI im Mittelstand meist auf der falschen Seite eingesetzt wird

· 4 Min. · KI-Implementierung, Mittelstand, Abgrenzung, Testsatz

KI im Mittelstand scheitert selten an der Technik. Sie scheitert daran, dass niemand vorher entschieden hat, welche Aufgabe ein Modell überhaupt übernehmen soll – und an welcher Stelle eine Bedingung in zwei Zeilen dasselbe Ergebnis billiger, schneller und nachvollziehbar liefert.

Besonders teuer wird die Verwechslung in Unternehmen ohne eigene Softwareentwicklung. Dort ist die vorhandene Automatisierung über Jahre nebenbei entstanden — ein Makro in der Vorlage, ein Skript vom früheren Kollegen, ein Roboter von einem Dienstleister, der nicht mehr antwortet. Wer auf diesen Bestand ein Modell setzt, ohne ihn vorher gelesen zu haben, automatisiert das Durcheinander nur schneller.

Die Frage, die vor der Werkzeugwahl kommt

Die übliche Reihenfolge ist verkehrt herum: Erst wird ein Werkzeug ausgewählt, dann wird gesucht, wo es passen könnte. Die tragfähige Reihenfolge beginnt bei den Vorgängen und teilt sie in drei Gruppen – was eine Regel erledigt, was ein Modell besser kann, und was bei einem Menschen bleibt.

Diese Einteilung ist das eigentliche Ergebnis der Vorstufe. Sie fällt fast immer nüchterner aus, als es der erste Eindruck erwarten lässt.

KI im Mittelstand: was auf der Regelseite bleibt

Eine Bedingung greift, solange die Eingabe vorhersehbar ist: Ein Feld enthält einen Betrag, ein Status hat vier mögliche Werte, eine Nummer folgt einem Muster. Solche Schritte gehören nicht zu einem Modell. Eine Regel ist billiger im Betrieb, sie antwortet gleich schnell bei jedem Aufkommen, und vor allem lässt sich hinterher erklären, warum das Ergebnis so aussieht.

Wie weit Regeln tragen, wird regelmäßig unterschätzt. In einer abgeschlossenen Arbeit wurden 1 268 Zahlungen offenen Posten zugeordnet, 1 051 davon allein über die Rechnungsnummer – also durch einen Abgleich, für den kein Modell nötig war.

Was auf die Modellseite gehört

Die Regel endet, sobald die Eingabe ihre Form verliert. Drei Muster tauchen in Betrieben immer wieder auf.

Freier Text. Eine Anfrage kommt als Fließtext, die benötigten Angaben stehen in beliebiger Reihenfolge, mal vollständig, mal nicht.

Wechselnde Formate. Belege sehen bei jedem Absender anders aus; eine Vorlage je Lieferant zu pflegen ist bei einigen hundert Absendern keine Lösung.

Augenmaß. Eine Zuordnung, die ein erfahrener Mitarbeiter in zwei Sekunden trifft, ohne die Regel dahinter benennen zu können.

Dass diese Arbeit in großer Menge tragfähig ist, zeigt ein abgeschlossenes Beispiel: 50 Regeln aus einem Chatverlauf wurden an einem Tag zu einer produktiven Wissensbasis.

Bei geerbten Abläufen kommt ein vierter Schritt vor allen anderen: nachlesen, was die vorhandene Automatik heute tut. In Makros und Skripten stecken Regeln, die sich jemand erarbeitet hat — Sonderfälle für einen bestimmten Lieferanten, Schwellen, Ausnahmen. Diese Regeln sind der beste Ausgangspunkt für die Einteilung, und sie gehen verloren, wenn man den alten Bestand einfach abschaltet. Wie so eine Aufnahme abläuft, steht unter Schatten-IT im Unternehmen.

Ohne Testsatz keine Entscheidung

Ein Modell einzusetzen heißt, Fehler zuzulassen und zu wissen, wie viele. Dafür braucht es einen Satz echter Fälle, deren richtige Antwort vorher feststeht – erstellt von jemandem aus dem Fachbereich, nicht von der Technik.

An diesem Satz wird vor dem Produktivgang gemessen und nach jeder Änderung erneut. Fehlt er, bleibt jede Diskussion über Qualität Geschmackssache, und genau daran bleiben Vorhaben im Versuchsstadium stecken.

Dazu gehört eine Schwelle: Ist das Modell unsicher, geht der Fall an eine benannte Person, statt eine plausibel klingende Antwort zu erfinden. Wer diese Person ist und wie sie den Fall zurückgibt, steht vor dem Einschalten fest.

Ein zweiter Nutzen des Testsatzes fällt erst später auf: Er überlebt den Wechsel des Modells. Kommt ein neuer Anbieter oder eine neue Version, wird nicht neu diskutiert, sondern derselbe Satz noch einmal gemessen — und die Entscheidung dauert Stunden statt Wochen.

KI im Mittelstand endet dort, wo jemand geradesteht

Nicht jeder Schritt gehört automatisiert. Wo verhandelt wird, wo eine Entscheidung Folgen für eine Geschäftsbeziehung hat, wo jemand für ein Ergebnis geradestehen muss – dort bleibt der Mensch zuständig, auch wenn ein Modell eine Antwort produzieren könnte.

Diese Grenze gehört ins Angebot, bevor gebaut wird. Sie ist kein Eingeständnis technischer Schwäche, sondern die Bedingung dafür, dass die automatisierte Seite überhaupt jemand einschalten mag.

Für Häuser ohne eigene Entwickler heißt das praktisch: Die Lösung arbeitet neben den Programmen, die ohnehin laufen, und jeder Schritt bleibt einzeln abschaltbar. Wie wir das übernehmen, steht unter KI-Lösungen für Unternehmen — Prüfung im Dienstvertrag, Umsetzung im Werkvertrag mit Abnahme am Testsatz.

Weitere Beiträge

Welche Automatisierung hängt bei Ihnen an einer Person?

Nennen Sie uns den Ablauf, der automatisch läuft, und die Person, ohne die er stillsteht. Im Gespräch sagen wir, was sich davon als Werkvertrag übernehmen lässt — und was besser wieder Handarbeit wird.

Bestand schildern